WO DIE SCHÖNEN TROMPETEN BLASEN

Installatives Musiktheaterprojekt // Premiere am 18. Mai 2019 // im LOFFT-Theater Leipzig // in Kooperation mit dem Werkstattmacher e.V. 

von und mit: Laura Immler, Hannes Köpke, Jasmina Rezig, Olivia Rosendorfer, Konstantin Sieghart, Julius Zimmermann // Werkstattmacherinnen: Jemina Coletta, Laila Grümpel

[…] Die Spannung steigt, als das Publikum feststellt: Es geht gar nicht in den Vorstellungssaal hinein – sondern plötzlich die Tür des Fahrstuhls Richtung Foyer auf. Zwei Männer sitzen darin, einer mit entblößtem Rücken über den Schoß des anderen gebeugt. Gemeinsam singen sie ein deutsches Lied: „Abendlich schon rauscht der Wald“. Was vermutlich auch rauscht, sind die Gedanken der Zuschauenden, als bei näherem Hinsehen klar wird: Der eine stickt etwas auf den Rücken des anderen. Buchstäblich. Nadelstiche und Faden überziehen die nackte Haut mit einem Muster. Ein Bruch, der die bis dato lässige Atmosphäre in Anspannung transformiert.

Dabei ist die Grausamkeit nicht plakativ, sondern liegt eher in der Beiläufigkeit des Geschehens. Das verunsicherte Publikum ertastet sich nun seinen Spielraum. Fährt mit den Singenden im Fahrstuhl, erobert das Treppenhaus, als von draußen eine Trompete erklingt. Dieselbe wehmütige Melodie wie im Fahrstuhl, gespielt von einer Performerin auf dem halb verwilderten Grundstück nebenan. Von einem Gesangstrio erklingt sie weiter, weiter unten im Treppenaufgang. „Schauernd hört der Wanderer zu, sehnt sich tief nach Hause“ […] Das passt zum umherirrenden Publikum, das der Melodie beinahe sehnsuchtsvoll von Ort zu Ort folgt – um durch ihr abruptes Abbrechen weiter an den nächsten getrieben zu werden, […] so dass es nie einen Ruhepunkt gibt. Auch nicht am LED-Feuer, für das einzelne Gruppen jeweils für wenige Minuten in den Saal gelassen werden.

Hier schließt sich der Kreis zur Programmatik der Performance, die als „räumlich-musikalische Verunsicherung der Begriffe Heimat und Tradition“ antritt. Sie will das Landleben und damit verbundene romantische Vorstellungen (Volkslieder, „unschuldiges“ Handwerk, Tradition und Einklang) als Illusion enttarnen. Von Stadtmenschen heraufbeschworen während der Industrialisierung, als Gegenentwurf zu Entwurzelung und Verunsicherung. […]
Theoretisch sind diese Themen und ihre Dekonstruktion ein weites und viel beackertes Feld […] Viel interessanter jedoch ist, wie sich das […] abstrakte Konstrukt in Gefühlen verdichtet. Die werden im Wechselspiel aus Performance und Publikumspartizipation greifbar: Verunsicherung, Ver(w)irrung, die Enttäuschung darüber, dass „Ankommen“ eine Illusion ist. […]

(Eva Finkenstein, Leipziger Volkszeitung, 22. Mai 2019)

© Thomas Puschmann
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